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Raucherecke

Utopische Spielräume für zweifelhafte Sonderwünsche

· Trollland,Utopie

Utopien haben ein Problem: Es bleibt kein Platz für Negatives. Definitionsgemäß müssen dort alle Menschen glücklich sein. Doch wie hält man sie davon ab, in ihr eigenes Unglück zu rennen? Besonders in Fällen, in denen die Grenze zwischen negativ und positiv unscharf ist?
 

Cory d’Or beschreibt in Trollland eine interessante Lösungsstrategie: Jeder kann seine (Sonder-)Wünsche äußern und ihnen nachgehen. Eine Idee, die nicht auf breite Zustimmung trifft, kann mit Gleichgesinnten verwirklicht werden – allerdings nicht überall. Es kommt dafür zu etwas, das „Ausgründung“ genannt wird, die Gründung einer Stadt oder eines neuen Stadtteils als Spielraum speziell für den entsprechenden Sonderwunsch.

Im Roman ist von einer Ausgründung in Kanada die Rede, in der Kunststoffe produziert und verwendet werden, die andernorts als umweltschädlich gelten. Offenbar werden die Menschen dort nicht ausgegrenzt, sondern die Gesellschaft trägt Sorge dafür, dass sich negative Einflüsse nicht unkontrolliert ausbreiten. Das gilt neben Orten in Texas, „in denen immer noch Säugetiere geschlachtet und Rinder- und Schweinefleisch gegessen“ wird, auch für die Ausgründung Smoke Rise in Alabama. Hier ist „das Rauchen überall erlaubt und sogar erwünscht“.

»Machen wir bei unseren Bankcomputern so. Wenn du eine neue Software zuschaltest, die das System beeinträchtigen könnte, steckst du sie in eine Sandbox, wo sie für sich allein läuft und vom Rest getrennt ist.«

Utopion/Trollland, S. 461

Das sagt ein Bankier, der in einer Stadt lebt, in der nach einer Bürgerabstimmung (wieder) eine Währung eingeführt wurde.

Es stimmt also nicht ganz, dass ganz Trollland eine Welt ohne Geld ist. Fabrizius, der Held des Romans, muss sogar feststellen, dass man plötzlich, ohne es geahnt zu haben, hohe Schulden haben kann …

In den meisten utopischen Entwürfen, die ich aus der Literatur kenne, wird – zugunsten des Gemeinwohls – die Freiheit des Individuums eingeschränkt. Auch in Thomas Morus’ Utopia gibt es solche Einschänkungen. Trollland präsentiert eine Lösung dafür, individuelle Wünsche und das nachhaltige Wohl der Allgemeinheit weitgehend in Einklang zu bringen: Potenziell Schädliches darf ausprobiert werden – in begrenztem Rahmen und wie unter eine Käseglocke. Ansonsten setzt man dort auf mündige Bürger und Vernunft. Eine Utopie eben.

(Auch wenn das ganz konkret ein reizvoller Gedanke ist: Trump in eine Sandbox – in seinem persönlichen Sandkasten kann er dann den Macker spielen und nicht viel Schaden anrichten.)

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